Spiritualität & Haltung
Ich muss mal was loswerden. Ich bin ja auch sehr gerne in der Spiri-Bubble unterwegs und arbeite selbst auch energetisch. Spiritualität ist ein fester Bestandteil meines Alltags.
In letzter Zeit begegnet mir allerdings immer wieder dieser Satz:
"Du nährst die Dinge mit Deiner Energie, wenn Du Dich mit ihnen beschäftigst"
Diese Formulierung finde ich hochproblematisch.
Meistens höre ich das, wenn ich sage, dass ich laut werde gegen Rassismus, Diskriminierung etc.
Dass ich mich informiere, widerspreche, etwas sage.
Die Idee, man solle Missstände nicht benennen, weil man sie sonst „füttert“: Das verschiebt in meinen Augen Verantwortung, erzeugt einen subtilen Druck lieber nichts zu sagen, kann schnell in Passivität führen. Und dafür ist unsere gesellschaftliche Situation gerade zu ernst.
Für mich ist es nicht entscheidend, ob wir uns mit schwierigen Themen beschäftigen – sondern wie.
Verliere ich mich rund um die Uhr in Schreckensmeldungen? Habe ich nur noch Kanäle abonniert, die sich mit solchen Themen auseinandersetzen? Wenn dir das gut tut. Fein. Wenn du eher das Gefühl hast, boah, ich kann das nicht mehr aushalten, alles in mir verknotet sich (so wie bei mir), dann brauchst du eine Pause. Dann schaffe dir einen Raum, z. B. Mit Energiearbeit, in dem du dich zurückziehen kannst, der sicher ist. Hier kannst du Kraft schöpfen, Atem holen, zur Ruhe kommen.
Spirituelle Praxis bedeutet hier für mich: Bewusst hinzusehen, zu interagieren UND gleichzeitig gut für mich zu sorgen.
Und versteht mich nicht falsch: Es ist jeder Person selbst überlassen, wie viel und ob sie konsumiert. Ein bewusster Rückzug kann eine sehr gesunde Entscheidung sein. Manche wählen bewusst die Stille, den Rückzug. Das ist Selbstfürsorge. Das ist absolut legitim.
Was ich jedoch schwierig finde, ist etwas anderes: Menschen, die sich informieren und klar positionieren, zu unterstellen, sie würden durch ihr Engagement „die Energie des Problems füttern.“ Puh.
Bewusste Auseinandersetzung ist kein energetisches Verstärken.
Sie ist die Grundlage, um reflektiert, informiert und verantwortungsvoll sprechen zu können.
Der Dalai Lama hat mal so ein tolles Buch mit dem Titel „Be angry“ geschrieben. Und da geht es darum, dass Wut gegen Missstände der erste Schritt hin zu gesellschaftlichen Veränderung ist. Das kann ich so unterschreiben.
Wenn du wütend wirst, weil du siehst wie jemand diskriminiert oder sonst wie drangsaliert wird oder vielleicht auch sogar du selbst, dann hat das NICHTS mit eigenen inneren Themen zu tun, sondern ist eine gesunde Reaktion auf Ungerechtigkeit. Lass dir das nicht wegregulieren. Atme das nicht weg. Nutze diese Wut, um aktiv zu werden, um einen Unterschied zu machen.
Es gibt einen Unterschied zwischen sich in Negativität zu verlieren – und Missstände klar zu benennen, um Veränderung anzustoßen.